Unterwegs zu einer synodalen Kirche in der Schweiz?
Referat von Daniel Kosch, Generalsekretär RKZ, am Treffen der Projektgemeinschaft vom 9. Mai 2022 in Olten
1 Woher kommt die neue Aufmerksamkeit für das Thema?
Begriffe wie «Synodalität», «synodaler Weg» oder «synodale Prozesse» sind in den Diskussionen um den Weg der Kirche in die Zukunft in aller Munde. Das ist zweifellos hauptsächlich Papst Franziskus zu verdanken: Seinen Impulsen zu einer tiefgreifenden Reform der Kirche, seiner Entscheidung, die Bischofssynoden zu stärken und neu auszurichten, seiner programmatischen Erklärung, «genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet», und seinem Entschluss, der Weltkirche für die Jahre 2021 bis 2023 einen «synodalen Prozess» zu verordnen, der die Synodalität der Kirche zum Thema hat.
Für den deutschsprachigen Raum und zunehmend darüber hinaus hat der 2019 von der Deutschen Bischofskonferenz zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken beschlossene «Synodale Weg» diese Aufmerksamkeit noch erhöht. Erstens, weil dieser Weg ausdrücklich damit begründet wird, dass das Ausmass des sexuellen Missbrauchs und seine Vertuschung und Verharmlosung durch die Kirchenleitung die Kirche in eine Krise gestürzt haben, aus der die Bischöfe sie nicht aus eigener Kraft hinausführen können. Und zweitens, weil der Synodale Weg sich inhaltlich mit den systemischen Ursachen dieser Krise befasst und zentrale, seit Jahren intensiv diskutierte Reformthemen aufgreift: Den Umgang mit Macht, die Rolle der Frauen, die Fragen rund um Sexualität und Partnerschaft und das Verständnis des Priesteramtes.
In der Schweiz spielt bei der Aufmerksamkeit für das Stichwort «Synodalität» wohl auch mit, dass die legislativen Behörden vieler kantonalkirchlicher Körperschaften als «Synoden» bezeichnet werden, und dass 2022 bis 2025 daran erinnert wird, dass vor 50 Jahren die Synode 72 stattfand, die im Zeichen des Aufbruchs nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stand und Reformerwartungen weckte, die grösstenteils bis heute unerfüllt sind.
3 Welches sind die Konfliktlinien?
Auf weltkirchlicher Ebene, im Zusammenhang mit den Bischofssynoden, im Kontext des Synodalen Weges in Deutschland wie auch in kirchlichen Reformdebatten in der Schweiz sind in Bezug auf die Synodalität der Kirche und damit zusammenhängende Fragen einige Grundfragen und Konfliktlinien zu benennen, die ebenfalls helfen, das Verständnis von Synodalität zu schärfen und zu vertiefen.
- Gehören «decision making» und «decision taking» zusammen, oder beschränkt sich die Teilhabe des Volkes Gottes auf Beratung und Vorbereitung, während die Entscheidung selbst in die Kompetenz des jeweiligen Amtsträgers fällt?
- Geht es um einen Stil- und Kulturwandel im Rahmen der bestehenden Ordnung oder bedingt der Übergang zu einer synodalen Kirchengestalt eine tiefgreifende Reform von Prinzipien der Lehre und des Rechts der Kirche bezüglich der Stellung und Rolle der Frauen, der Überwindung diskriminierender Ausschlussmechanismen, der Einführung verbindlicher Grund- und Mitentscheidungsrechte aller Getauften und der Überwindung des Zentralismus?
- Ist die aktuelle klerikale Institution mit ihren Macht- und Ausschlussmechanismen «eines der grossen strukturellen Hindernisse für die Entdeckung des Evangeliums» (Ronaldo Muñoz 1972) und systemische Ursache der Kirchenkrise sowie des sexuellen Missbrauchs? Oder sind im Gegenteil die Anpassungen an die Moderne, die Reformforderungen und «Diktatur des Relativismus» die Ursache für die Krise des Glaubens und der Kirche?
Es ist nicht nur eine Frage der intellektuellen Redlichkeit, sondern auch eine Frage der Glaubwürdigkeit kirchlicher Amtsträger und Institutionen, sich diesen Fragen zu stellen und dazu Haltungen und Positionen zu entwickeln. Ich halte es für eine der entscheidenden Stärken für einen Ausdruck von Glaubensmut, dass die deutschen Bischöfe sich mit dem Synodalen Weg diesen Fragen stellen und für eine der Grundschwierigkeiten des Pontifikates von Franziskus wie auch des schweizerischen synodalen Prozesses, dass sie einer expliziten Auseinandersetzung mit diesen Konfliktlinien bisher ausweichen.
2 Was ist unter Synodalität zu verstehen?
Bekanntlich stecken im griechischen Wort «Synode» einerseits «syn», also «miteinander» oder «gemeinsam», anderseits «hodos», also Weg. Es geht also um «gemeinsame Wege», ums «miteinander unterwegs sein». Inhaltlich wird dieser Begriff jedoch sehr unterschiedlich gefüllt. Vielfach wird dieses Bild vom «gemeinsamen Weg» als pastorale Floskel verwendet, als gebe es nur einen Weg, keine Weggabelungen, keine steilen oder rutschigen Passagen, keine Abwege und Sackgassen, keine Unterschiede zwischen jenen, die mit Stab und Mitra sagen können, wo es langgeht, und jenen, die sich daran freuen sollen, dass die Amtsträger etwas von ihrer kostbaren Zeit mit ihnen verbringen. Ein anderer Sprachgebrauch reduziert das Thema «Synodalität» auf die Frage von Mitentscheidungsrechten der Laien. Dieses Missverständnis kann man in der Schweiz daran erkennen, dass etliche der Meinung sind, die Kirche sei bei uns aufgrund des dualen Systems bereits «synodal».
Synodalität meint aber mehr als eine pastorale Floskel, welche notwendige Diskussionen um den rechten Weg und um die Verteilung der Macht fromm übertüncht. Und sie meint auch mehr als «Mitbestimmung», auch wenn das ein zentrales Anliegen ist. Rafael Luciani, Theologe aus Venezuela, umschreibt Synodalität in seinem kürzlich erschienenen Buch zum Thema wie folgt:
«In einer synodalen Kirche sind wir nicht nur aufgefordert, gemeinsam unterwegs zu sein. Das wäre eine allzu vereinfachende Art, Synodalität zu verstehen. Vielmehr und vor allem geht es der Synodalität um die wechselseitigen Beziehungen und die kommunikativen Dynamiken, die beim gemeinsamen Unterwegssein entstehen. Es handelt sich um die Dynamik des gemeinsamen Betens, Sich-Treffens und Arbeitens, aber auch um die Art und Weise, Dinge zu beurteilen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Synodalität ist eine neue kirchliche Kultur der Beratung und der Konsensbildung. Auf diese Weise können wir das pyramidale und klerikalistische Modell einer dichotomischen Kirche überwinden, die einerseits belehrt und andererseits lernt und nachfolgt. Ein synodales Modell bezieht die gesamte kirchliche Gemeinschaft mit ein, um neue Wege zu suchen, wie wir als Volk Gottes in einer vielgestaltigen und vielgefächerten Gemeinschaft leben. Synodalität ist eine konstitutive und konstituierende Dimension des Lebens und der Sendung der Kirche.» (R. Luciani, Unterwegs zu einer Synodalen Kirche, Luzern 2022, 24)
Auch das Synodalitäts-Verständnis von Papst Franziskus gewinnt an Profil, wenn man seine Vision von einer synodalen Kirche im Zusammenhang mit seiner radikalen Kritik am Klerikalismus sieht. Dazu nochmals Luciani: «Während seiner apostolischen Reise nach Mosambik und Madagaskar sagte Franziskus vor den dortigen Jesuiten: ‘Der Klerikalismus ist eine wahre Perversion in der Kirche. … Der Klerikalismus verurteilt, trennt, frustriert und verachtet das Volk Gottes.’ Und er sagte auf der Bischofssynode 2018: «Es ist notwendig, die Plage des Klerikalismus entschlossen zu überwinden. … Der Klerikalismus ist eine Perversion und die Wurzel vieler Übel in der Kirche: Für diese müssen wir demütig um Vergebung bitten. Vor allem aber müssen wir Bedingungen schaffen, dass sich diese Übel nicht mehr wiederholen.’ … Er spricht vom ‘Komplex der Erwählten’ [und von der] ‘Pathologie der Macht’.» (a.a.O. 32)
Gerade angesichts dieser schonungslosen Analyse der Kirchensituation ist es wichtig, eine verharmlosende, floskelhafte Rede von Synodalität zu vermeiden und den Weg der Synodalität als Projekt zu verstehen, «morsch gewordene Strukturen, die der Weitergabe des Glaubens nicht mehr dienen, aufzugeben» (Schlussdokument von Aparecida, Nr. 365).
Im Sinn dieses umfassenden Verständnisses von Synodaltät benennt vatikanische Vorbereitungsdokument für die Synode 2021-2023 drei Ebenen, auf denen sich Synodalität konkretisiert: Die Ebene des Stils, die Ebene der Strukturen und kirchlichen Prozesse, die Ebene der synodalen Prozesse und Ereignisse. Zudem betont das Dokument: «Auch wenn sie aus Sicht der Logik voneinander unterschieden werden können, beziehen sich diese drei Ebenen doch aufeinander und müssen in kohärenter Weise zusammen betrachtet werden. Andernfalls wird ein Gegenzeugnis weitergetragen und die Glaubwürdigkeit der Kirche unterminiert. Wenn der Stil der Synodalität nämlich nicht in Strukturen und Prozesse umgesetzt wird, fällt er leicht von der Ebene der Absichten und der Wünsche auf die Ebene der Rhetorik herab, während Prozesse und Ereignisse, wenn sie nicht durch einen entsprechenden Stil belebt werden, zu leeren Formalitäten werden.» (Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung, Nr. 27)
4 Wo stehen wir in der Schweiz?
In der Schweiz hat der «Synodale Prozess», der von den Bischöfen eine Zeitlang «Prozess gemeinsam auf dem Weg für die Erneuerung der Kirche» genannt wurde, eine schwierige Geschichte. Nach Jahren, in denen sich Probleme aufstauten und Spannungen aufbauten, anerkannte die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) 2019 eine «Krise in unserer Kirche» und erklärte, die Fragen und Forderungen «im Verbund mit vielen Gläubigen angehen» zu wollen, wobei das «synodale Vorgehen» eine wichtige Rolle spielen werde (Medienmitteilung vom 05.06.2019). Das Vorhaben kam jedoch ins Stocken, es gab Diskussionen über das Verhältnis zwischen der diözesanen und der gesamtschweizerischen Ebene und während die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (RKZ) und andere nationale Akteure sich einen breit abgestützten, strukturierten Prozess wünschten, beharrte die SBK darauf, allein über das Vorgehen zu entscheiden. Zwar fanden je eine Begegnung mit dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund und mit der RKZ statt, aber ein «Weg» oder «Prozess», der diesen Namen verdiente, ist daraus nicht entstanden.
Neue Dynamik entstand im Zusammenhang mit der weltkirchlichen Synode 2021-2023. Im Herbst 2021 begannen in allen Bistümern Konsultationen, Umfragen und Gespräche zur Synodalität, deren Ergebnisse anfangs 2022 in diözesanen Berichten zusammengefasst wurden. Die Bischofskonferenz beauftragte dann die Pastoralkommission mit der Erarbeitung eines zusammenfassenden schweizerischen Berichts, der zusammen mit jenen aus den Bistümern im Sommer nach Rom geschickt werden soll. Zuvor wird eine «Synodale Versammlung Schweiz» diesen Bericht am 30. Mai 2022 beraten und bereinigen sowie die Frage angehen, welche Themen auf Schweizerischer Ebene im Blick auf eine synodale Kirche anzugehen sind. Auch dieses Vorgehen und die Zusammensetzung der synodalen Versammlung beruhen einzig auf Entscheidungen der Bischöfe – sind also selbst nicht wirklich «synodal».
Gemessen an der traditionellen Formulierung, wonach in einer synodalen Kirche «was alle angeht von allen behandelt und entschieden werden muss» («Quod omnes tangit ab omnibus tractari et approbari debet»), aber auch gemessen an einem heutigen Verständnis von Prozessen des Change-Management und der Organisationsentwicklung angesichts einer massiven und alle Bereiche des kirchlichen Lebens bedrohenden Krise beurteile ich das gewählte Vorgehen wie auch den Alleingang der Bischofskonferenz kritisch. Es wirft die Fragen auf, ob die Bischöfe damit ihrer hohen Verantwortung für die Zukunft der Kirche gerecht werden und ob sie sich als Konferenz wirklich auf einen synodalen Weg eingelassen haben. Aber nicht nur mit Blick auf die SBK, sondern auch mit Blick auf die Entwicklungen an der Basis, in den gesamtschweizerischen Verbänden, bei den Seelsorgenden und in der theologischen Landschaft stellt sich die Frage, ob die katholische Kirche in der Schweiz tatsächlich «zu einer synodalen Kirche unterwegs ist», oder ob sie nur darüber redet, dass es synodale Wege und Reformen bräuchte, ohne eine gemeinsame Kraft zur Veränderung zu entwickeln. Die «Allianz gleichwürdig katholisch» ist diesbezüglich ein Zeichen der Hoffnung. Allerdings scheint es mir noch keineswegs gesichert, dass es ihr gelingt, die Kräfte in der notwendigen Breite und Tiefe zu bündeln und eine Veränderungsdynamik mit konkreten Zielen, Etappen und verbindlich vereinbarten Vorgehensweisen in Gang zu setzen.
5 Was können wir tun?
Die Frage, was wir tun können, ist eine persönliche Frage an uns selbst, an den Einzelnen, die Einzelne. Es ist zugleich eine Frage an unsere Art, wie wir das synodale Denken und Handeln in die Organisationen, Institutionen und Strukturen einbringen, in denen wir leben, arbeiten und Mitverantwortung tragen. Und es ist eine Frage an die Weiterentwicklung und Positionierung der kirchlichen Organisationen und Institutionen selbst.
Auf der persönlichen Ebene
Persönlich können wir uns bemühen, als synodale Menschen zu leben – auf der Spur Jesu, unterwegs mit Gott, miteinander und mit uns selbst, immer neu hörend und suchend, offen für das Wehen des Geistes, das manchmal stürmisch, aber oft nur «ein leise verschwebendes Schweigen» ist.
Wir können Zeuginnen und Zeugen, Anwältinnen und Anwälte eines synodalen Stils, synodaler Prozesse, Ereignisse und Strukturen sein – für sie eintreten, sie einfordern und einklagen, aber auch konkrete und praktikable Schritte vorschlagen, ohne die grossen Ziele preiszugeben.
Dabei gilt es auch, Klerikalismus wahrzunehmen, zu benennen und zu überwinden – in uns selbst, bei anderen und in den Strukturen – und für klerikale Muster, die es nicht nur bei Klerikern gibt, sensibel zu werden. Eigene Anteile daran erkennen, dass die klerikalen Machtspiele und Symboliken, das schweigende Hinweggehen über Einwände und Verletzungen noch immer funktionieren.
Wichtig ist auch, Widerstände, Verletzungen, Müdigkeit, Resignation und Trauer im Zusammenhang mit dem eigenen kirchlichen Engagement wahrzunehmen, zu benennen und einen lebensdienlichen Umgang damit suchen. Wir kommen nicht umhin, uns in Geduld und Hartnäckigkeit zu üben, Hoffnung zu lernen und einander immer wieder ermutigen. Denn der Weg ist noch weit.
Schliesslich geht es darum, uns in Synodalität zu bilden und immer tiefer zu verstehen, was das Wesen einer synodalen Kirche ausmacht. Uns bewusst sein, dass wir zeitlebens Lernende bleiben, die immer neu fragen und entdecken dürfen, worauf es in der je konkreten Situation ankommt.
In den laufenden synodalen Prozessen
In den Gremien und Strukturen gilt es, bestehende Räume und Regeln des synodalen Kircheseins zu nutzen, zu erweitern und miteinander zu vernetzen. Wir sind gefordert, Synodalität als anspruchsvolle Form des Kircheseins anhand grundlegender Fragen geistlicher Unterscheidung einzuüben: Was ist an der Zeit? Was sagt uns das Evangelium heute? Was brauchen die Menschen? Wer braucht uns besonders? Es ist wichtig, diese Unterscheidungsprozesse auch in Gemeinschaft, in Gruppen und Gremien einzuüben, konkrete Formen für sie zu finden und sie nicht auf «spirituelle Impulse» zu reduzieren, sondern so lange fragen, bis sich konkrete Antworten herausschälen.
Aktuell verdienen die laufenden synodalen Prozesse auf diözesaner, schweizerischer, kontinentaler und weltkirchlicher Ebene die grösste Aufmerksamkeit. Die inhaltlichen Anliegen sind benannt und verschriftlicht. Es bleibt aber das Risiko, dass sie verwässert, verharmlost oder verzögert werden.
Genauso wichtig ist, dass Synodalität ohne institutionelle Orte und Verfahren zu ihrer Umsetzung nicht gelingen kann. Ohne Regelungen, die fixiert, erprobt und bei Bedarf auch erkämpft werden, bleibt Synodalität auf der Ebene guter Absichten und der Absichtserklärung stecken, zuhören zu wollen. Wir benötigen Entwicklungsprozesse und Expertise für synodale Gremien und Entscheidungsverfahren, die ins geltende Kirchenrecht eingreifen und auch unserem dualen System Rechnung tragen. Das muss unermüdlich eingebracht, mit konkreten Vorschlägen untermauert werden.
Die bestehenden pastoralen Räte sind wohl ein Anknüpfungspunkt, aber es braucht tiefgreifende Reformen, damit sie unsere Kirchengestalt wirklich synodal prägen können.
Im dualen System
Das duale System stellt insbesondere im finanziellen Bereich demokratische Mitwirkungsrechte sicher und gibt den staatskirchenrechtlichen Behörden und dem Kirchenvolk auch im personellen Bereich Instrumente an die Hand, um Entscheidungen zu beeinflussen. Es ist sehr wichtig, dass diese Möglichkeiten im Sinne der Synodalität genutzt werden: Wir müssen, gerade wenn die Mittel knapper werden, ernsthaft und gemeinsam diskutieren, wofür sie eingesetzt werden, dabei nicht nur aufs Geld schauen, sondern auch aufs Evangelium hören und auf die Zeichen der Zeit.
Bei der Wahl und Anstellung von Seelsorgenden sollten sich die Behörden und Kirchgemeinden nicht von der Angst vor dem Priestermangel leiten lassen, sondern lieber Stellen nicht besetzen, als klerikale, menschlich nicht überzeugende oder ungenügend qualifizierte Personen anzustellen.
Aber «synodal» ist anderes und mehr als «dual». Das demokratische Staatskirchenrecht ist letztlich kein Ersatz für im Kirchenrecht verankerte synodale Strukturen. Und seine Behörden sind kein Ersatz für synodale Gremien, die das ganze Volk Gottes einbeziehen. Es gilt also, die schweizerischen Kirchenstrukturen, das duale System und sein synodales Potenzial nutzen und weiterzuentwickeln.
Daher nochmals die Eingangsfrage: Sind wir in der Schweiz unterwegs zu einer synodalen Kirche? Ein «Nein» wäre genauso ungerecht wie ein uneingeschränktes «Ja» zu vollmundig wäre. Ich möchte die Frage – zur Zeit vielleicht etwas gar nachdenklich gestimmt – mit einer Gedichtzeile von Hilde Domin schliessen: «Es knospt unter den Blättern – das nennen sie Herbst». Es ist beides wahr: Wir leben in herbstlichen Zeiten, in denen gleichzeitig manches abstirbt und weiter absterben wird und die dennoch das Potenzial haben, dass frühlingshaft Neues wächst.