Synodale Kultur – Erfahrungen einer benediktinischen Gemeinschaft
Priorin Irene Gassmann macht den Anfang in der Beitragsreihe „Synodalität bewegt – weltweit und in der Schweiz“ und beschreibt die Erfahrungen der benediktinischen Gemeinschaft mit Synodalität.
Synodalität ist für uns Benediktinerinnen nichts Fremdes. Als klösterliche Gemeinschaft sind wir eine Kirche im Kleinen und pflegen ein synodales Zusammenleben. Seit Papst Franziskus im Oktober 2021 die ganze Weltkirche zu einem synodalen Prozess eingeladen hat, vertiefen auch wir Schwestern im Fahr unser synodales Verständnis. Wir sind überrascht, wie viel Neues wir dabei entdecken. Synodalität ist vielschichtig und entfaltet ihre Dimension auf verschiedenen Ebenen. Sie ist – wie Papst Franziskus immer wieder betont – keine Methode, sondern eine Kultur. Was Papst Franziskus damit meint, wird uns erst beim Vertiefen und Reflektieren der synodalen Dokumente nach und nach verständlich. Synodalität ist weit mehr als ein gemeinsamer Spaziergang. Sie ist ein geistlicher Prozess, die Art und Weise wie eine Gemeinschaft miteinander lebt.
Eine benediktinische Gemeinschaft lässt sich auf den synodalen Prozess ein
Bei der Ankündigung zum weltweiten synodalen Prozess sagte Papst Franziskus: «Die Taufe ist der Personalausweis». Damit erklärte er: Alle Getauften sind eingeladen sich auf diesen geistlichen Weg zu machen. Wir Schwestern vom Fahr nahmen diese Einladung an und gestalteten zur Eröffnung am 17. Oktober 2021 im Sonntagsgottesdienst eine Tauferneuerung. In den folgenden Wochen bildeten die Schwestern zusammen mit Freunden und Familienangehörigen insgesamt sieben Dialoggruppen und beteiligten sich so aktiv an der ersten Phase dieses Prozesses. Unser Interesse für den weiteren Verlauf der Synode war geweckt. Mit Spannung erwarteten wir den Bericht aus dem Bistum Basel und dann auch das gesamtschweizerische Dokument sowie später das Dokument für die Kontinentalsynode mit dem prophetischen Titel «Mach den Raum deines Zeltes weit». Diese Schreiben und verschiedene Ansprachen von Papst Franziskus hören wir im Konvent jeweils als Tischlesung. Aktuell wird beim Mittagessen das «Instrumentum laboris» vorgelesen. So können wir Schwestern diesen synodalen Prozess Schritt für Schritt mitgehen und auch im Gebet mittragen. Apropos Gebet: Während der kontinentalen Synode waren wir Schwestern vom Fahr Teil des immerwährenden Gebets der kontemplativen Gemeinschaften Europas. Hier spürten wir die Verbundenheit im Gebet mit anderen uns zum Teil unbekannten Klöstern. Das Gebet ist ein wertvolles Netzwerk über Grenzen und Sprachen hinweg. Auch das ist eine synodale Erfahrung!
Benediktinische Spiritualität – Inspiration für eine synodale Kultur
Eine klösterliche Gemeinschaft ist ein Laboratorium, in welchem Synodalität eingeübt und gelebt wird. Unser Ordensvater, der heilige Benedikt, schrieb seine Regel im 6. Jahrhundert für das gemeinsame Leben. Bei dieser Schrift handelt es sich nicht um eine Sammlung von Regeln, sondern es ist eine Regel (Singular) und bedeutet «Richtschnur». Sie ist eine Anleitung zum gemeinsamen Leben. Heute könnte man sagen: Ein Handbuch für das Zusammenleben. Auch wenn Benedikt den Begriff «Synodalität» nicht verwendet, so ist die gesamte Regel von der synodalen Kultur durchdrungen. Das verwundert nicht, denn die frühe Kirche war vom Geist der Synodalität geprägt. Ein Kloster ist ein Ort des Lernens und Übens. Es ist wie Benedikt im Prolog schreibt: Das Kloster ist eine Art Schule.[1] Diese synodale Kultur, welche in den Klöstern seit Jahrhunderten gelebt wird, kann für die gesamte Kirche Vorbild sein. Ein Blick in die Benediktsregel liefert dazu wertvolle Anregungen.
Im ersten Kapitel der Regel zählt Benedikt verschiedene Arten von Mönchen auf. Seine bevorzugte Art sind diejenigen, die ein gemeinsames Leben unter der Leitung eines Abtes oder einer Priorin führen. Benedikt bezeichnet diese Art als die «kraftvollste». Leben in Gemeinschaft, miteinander auf dem Weg sein, darin liegt eine Kraft, eine Stärke. Für diese Lebensform schrieb Benedikt seine Regel.
Die Klosterleitung wird seit jeher durch die Gemeinschaft gewählt. Jedes einzelne Mitglied der Gemeinschaft muss im Hören auf die Geistkraft fragen, wer für diese anspruchsvolle Aufgabe der Leitung geeignet ist. Bei der Wahl der Priorin ist somit jede Schwester mitverantwortlich.
Mitverantwortung zeigt sich auch in der Entscheidungsfindung bei anstehenden Fragen in der klösterlichen Gemeinschaft. Benedikt sagt: Ist im Kloster Wichtiges zu besprechen, sind alle Mitglieder einzuladen. Es sollen alle dabei sein, auch die Jüngeren, weil Gott oft gerade diesen eingibt, was das Beste für die Gemeinschaft ist.[2] Das ist bemerkenswert, wenn wir bedenken, dass zur Zeit Benedikts vor allem die Weisheit der Älteren zählte. Benedikt bringt mit dieser Haltung eine neue Dynamik in das Zusammenleben einer Gemeinschaft. Er weiss, wie wertvoll die Sicht der Jüngeren oder auch jener ist, die am Rande stehen. Sie haben einen anderen Blickwinkel und können so zu einer Erneuerung und Entwicklung beitragen.
Damit Synodalität gelingen kann braucht es verschiedene Voraussetzungen. Das gegenseitige Vertrauen ist der Boden auf dem Synodalität wachsen kann. Wo Vertrauen ist, begegnen sich Menschen wertschätzend und angstfrei. Es ist ein Miteinander auf Augenhöhe. Benedikt formuliert es so: Sie (die Mitglieder der Gemeinschaft) sind selbstlos und geschwisterlich füreinander da[3]. Selbstlos bedeutet: Nicht auf eigene Vorteile bedacht sein, sondern das Ganze, das Wohl der Gemeinschaft geschwisterlich im Blick haben.
Eine weitere Voraussetzung für Synodalität ist das Hören. Benedikt beginnt seine Regel mit dem Hören. Wer immer du bist, der du diese Worte liest: Sei jetzt ganz Ohr. Und sei ganz Auge für das göttliche Licht. (Prolog)[4]. Hören im biblischen Sinn ist verwandt mit gehorchen und Gehorsam. In der Benediktsregel finden sich verschiedene Kapitel über den Gehorsam. P. Christoph Müller fasst diese in seiner Regelausgabe in einfacher und gerechter Sprache in einem Kapitel zusammen und gibt diesem den Titel: Gehorchen als ein gemeinsames aufeinander hören. Diese Überschrift lässt aufhorchen. Gehorsam hat eine Wechselwirkung. Es ist ein gemeinsames aufeinander hören. Welche Bedeutung der Gehorsam gemäss der Benediktsregel hat, fasst P. Christoph Müller mit folgenden Worten zusammen: Da sich das Leben im Kloster in einer Gemeinschaft abspielt, ist es wichtig, dass alle aufeinander Rücksicht nehmen. Ein gegenseitiges feines Hören ist also unabdingbar, sowohl gegenüber Verantwortlichen als auch untereinander. Alle sollen versuchen, den Willen Gottes gemeinsam zu erspüren. [5] Beim Gehorsam geht es primär darum: Den Willen Gottes gemeinsam zu erspüren. Das erfordert eine grosse Offenheit und Bereitschaft hinzuhören, ohne schon eine Lösung oder Antwort zu haben. Ein solches Hören ist anspruchsvoll und muss immer wieder geübt werden.
Ich bin dankbar für die Initiative von Papst Franziskus mit der er uns einlädt und anleitet eine synodale Kultur einzuüben. Ich bin immer mehr überzeugt, dass dies der Weg ist zu einer erneuerten Kirche. Gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, wie anspruchsvoll und vielschichtig dieser Lernprozess ist. Und so wünsche und hoffe ich, dass wir alle einen langen Atem haben und vertrauensvoll Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Ja, bleiben wir gemeinsam auf dem Weg als hörende und lernende Kirche und bleiben wir offen für das überraschende Wirken der Heiligen Geistkraft!
Priorin Irene Gassmann OSB, Kloster Fahr
[1] Christoph Müller OSB; Die Weisungen des heiligen Benedikt. In einfacher und gerechter Sprache; Herder 2022
[2] Ebd
[3] Ebd
[4] Ebd
[5] Ebd.
Sr. Irene Gassmann OSB, geboren 1965, trat 1986 in das Benediktinerinnenkloster Fahr bei Zürich ein. Sie ist Fachlehrerin «Hauswirtschaft» und Erwachsenenbildnerin und leitete von 1993 bis 2003 die klostereigene Bäuerinnenschule. Seit 2003 ist sie Priorin der Gemeinschaft im Fahr. Priorin Irene ist Mit-Initiantin vom «Gebet am Donnerstag» und der «Junia-Initiative».
www.kloster-fahr.ch
Sr. Irene. Möchte mich bedanken für die wohtuende Einstellung zu der Synode. Ich schätze sehr wie ihr euch auf diesen Prozess mit der Tauferneuerung eingelassen habt. Der Artikel wirk immer noch bei mir nach.